eva muellers visionary sunday post 477 – genius loci

Guten Tag,

was wissen wir? was haben wir? was fehlt uns? was lieben wir? Diese Fragen stellte der renommierte Filmkünstler Colin Low den Menschen auf Fogo Island, die der Zwangsumsiedelung Widerstand geboten hatten. Nur noch 2500 Menschen lebten auf der Insel an der Nordküste Neufundlands im Atlantik. Nach den Ureinwohner/innen, den Beothuk, die um 1500 auftauchten, waren im 17. und 18. Jh. Einwander/innen aus Irland und England gekommen. Die britische Kolonie wurde 1949 zu einer Provinz Kanadas.

Durch die starke industrielle Überfischung, auf die die Einwohner/innen keinen Einfluss hatten, verloren sie ihre Haupteinnahmequelle. Zita Cobb studierte in Kanada und kehrte nach erfolgreichem Studium und Unternehmertum auf die Insel zurück. Sie ist die 8. Generation ihrer Familie und gründete mit ihrem Vermögen die Shorefast Foundation, ein High-End Hotel, wissenschaftliche und kulturelle Non-Profit Projekte, Mikrokreditwesen und ein Kunstprogramm. Seit 2011 sind dadurch 30 klassische Kleinunternehmen, Restaurants und Handwerksbetriebe neu entstanden, Start-ups, die Produkte online vermarkten, junge Familien ziehen wieder auf die Insel.

Was kann Kunst in Regionen wie Fogo Island leisten? „Selbstverständlich begannen wir mit der Kunst, weil man zuerst mit dem Wissen beginnen sollte.“ sagt Zita Cobb. Der Filmemacher Colin Low hatte in seiner partizipativen Kunstaktion „Challange for Change“ den Bewohnerinnen Fragen gestellt, ihre Lebensweise, Sorgen und Anliegen dokumentieren lassen. Die bisher isolierten Gemeinschaften überwanden so ihre Differenzen und entwickelten gemeinsame Perspektiven für ihre Zukunft und den Genius loci ihres Ortes.

Eigentlich ist mit diesem Begriff römischer Mythologie der Schutzgeist gemeint.  Heute bezeichnen wir so das geistige Klima eines Ortes. Den Spirit. Die Atmosphäre oder Aura. Eine individuelle Ästhetik.

Unternehmen sind auch eine Insel mit einer eigenen Kultur und einem bestimmten Genius loci. Unsere Orte, unsere Räume bieten uns Schutz. Ihre Gestaltung sollte optimal für Herz und Verstand ausgerichtet sein. Wir erfahren über die Raumwirkung soziale und kommunikative Kompetenz.

Manche Firmen bewegen sich auf die Kunst zu, weil sie für Einfallsreichtum, den lebendigen Ausdruck von Überzeugungen, die Hervorbringung und Einforderung von Werten steht.

Der Ort an dem man arbeitet, muss eine Inspirationsquelle sein. So begründet sich Selbst-Bewusstsein. Kunst gibt keine Antworten. Aber sie stellt intelligente Fragen, damit wir darüber nachdenken können, wer wir sind, was wir wissen, was wir haben, was uns fehlt, was wir lieben, was das Beste ist, was wir tun können!

In diesem Sinne einen guten Sonntag und eine inspirierende Woche,
herzlich Ihre Eva Mueller

 

Ulrike Heydenreich | Neuland 01 mehrschichtige Collage | 61 x 100 cm Anna Thorwest | Zeichnung | 72 x 95 cm
Ulrike Heydenreich | Neuland 01 mehrschichtige Collage | 61 x 100 cm
Anna Thorwest | Zeichnung | 72 x 95 cm

Abb:
Ulrike Heydenreich | Neuland 01 mehrschichtige Collage | 61 x 100 cm
Anna Thorwest | Zeichnung | 72 x 95 cm

Zum Genius loci einer sehr erfolgreichen Wirtschaftskanzlei durfte ich mit meinem Kunstkonzept auch einen Beitrag leisten, zu dem unter anderem die Werke dieser beiden Künstlerinnen im Besprechungsraum gehören.

Ulrike Heydenreich verweist mit ihrem Werk „Neuland“ auf die Tatsache, dass jede Begegnung, Besprechung, Zusammenarbeit in diesem Raum neue Lösungen erfordern kann. Die Menschen, die sich hier in den Bergen befinden, stützen sich gegenseitig mit ihrem Wissen, ihrer Erfahrung, ihrer Gemeinschaft. Und erleben damit auch grossartige Ausblicke.

Als Bildhauerin war Anna Thorwest zugleich eine hervorragende Zeichnerin. Die Zeitgenossin von Pablo Picasso, mit dem sie eine Freundschaft während ihrer Atelierzeit in Vallauris verband, assoziiert eine Begegnung abstrakter Gestalten, die einen sinnreichen Bezug zur Figurengruppe in Ulrike Heydenreichs Collage herstellt.