eva muellers visionary sunday post 486 – schatten

Der Schatten

Guten Tag,

sehnsuchtsvoll zeichnete eine Frau aus Korinth den Schatten ihres Geliebten. Dieser Akt ist nach Plinius dem Älteren angeblich der Ursprung der Malerei. Heute wissen wir, dass die ersten Höhlenmalereien vor über 40000 Jahren tatsächlich von Künstlerinnen stammen.

Die Korintherin wollte sehr viel später ein Bild behalten, während ihr Liebster in den Krieg zog und vielleicht nie mehr wieder kam. Dazu benutze sie ein Stück verkohltes Holz als Malkreide.

Ein tiefes Bedürfnis steht dahinter Bilder von unseren Mitmenschen und der Welt zu dokumentieren. Aber auch Neues entwerfen, etwas auszudrücken, das sich sprachlich nicht fassen lässt. Sich selbst und andere erforschen, Innen und Aussenwelt darstellen.

Ein Schatten ist in erster Linie eine Projektion. So ganz lässt sich der oder die Andere nie erfassen. Immer unterliegen wir den eigenen Interpretationen und Spiegelungen. Nach dem Gründer der Analytischen Psychologie C.G. Jung zeigt sich im Schatten unser archetypisches Unbewusstes. Er bezeichnet damit Persönlichkeitsanteile, die wir in uns selbst ablehnen, weil wir sie negativ beurteilen, nicht wahr haben wollen, daher auch nicht so einfach erkennen. Daneben verdrängen wir ebenso die kollektiven Schatten unserer Gesellschaft. Diese dunklen Seiten projizieren wir dann gerne auf andere.

Wesentlich für die eigene Persönlichkeitsentwicklung gilt daher, soweit wie möglich Helles und Dunkles in sich und im eigenen Umfeld zu erkennen.

So erklärt sich auch manche Ablehnung zeitgenössischer Kunst, die sich nicht zurückhält individuelle und globale Schattenseiten aufzuzeigen. „Nicht schon wieder“ oder „muss das immer so negativ sein“ sind oft gehörte Kommentare. Aber Verdrängtes bricht sich nur mit umso heftigerer Macht die Bahn ins Bewusstsein. Weil es allem Lebendigen letztendlich darum geht Erkennen, Heilung, Lösung zu finden.

In diesem Sinne einen sonnigen Sonntag, an dem sich ja erst die Schatten zeigen können!
Herzlich Ihre Eva Mueller

 

 

Abb: Wandarbeit von Jörg Mandernach in der Ausstellung „Mit Verkohltem wollte ich Deinen Schatten halten“ mit Lea Pagenkemper, Gabriele Langendorf, Philipp Haager, Myriam Mayer, Markus Heller, Ulrich Bernhardt, Denise Moriz, Gert Wiedmaier, Andy Dobler, Tillmann Damrau und Marcus Sendlinger im Kunstverein Schloss Ellwangen